Ästhetisches Sterben - Leseprobe
Sterbeprozess und Sterbephasen
– Auszug aus KAPITEL 4 –
Der Sterbeprozess – der Prozess des Loslassens
Die Aufgabe des Sterbeprozesses
Im gesamten Sterbeprozess gibt es eine Hauptaufgabe: Sich von allem zu lösen. Wir lernen, unsere Beziehungen loszulassen, wir lernen, unsere Wünsche und Meinungen, unsere Verhaftungen an das Leben und was es uns schenkt, aufzugeben. Auf einen kurzen Nenner gebracht, heißt das, dass wir unsere Anhaftung an unsere körperlichen Empfindungen, an unsere Glaubenshaltungen, unser Denken, und an unsere Gefühle entspannen und loslassen lernen. Dies ist ein Prozess und er bewirkt eine Verfeinerung unseres Systems.
…
Es gibt in der Sterbeliteratur ein Hauptwerk von Elisabeth Kübler-Ross über den Sterbeprozess und seine Phasen. Sie stellt die Beobachtung auf, dass es bestimmte Sterbephasen gibt, die jeder durchläuft. Dabei sieht sie die oberflächlichen Reaktionen der Menschen auf den Loslassprozess und das bei sehr unbewusst lebenden Menschen, die sich vorher noch nie mit dem Tod oder mit Meditation beschäftigt haben. Diese Phasen von Elisabeth Kübler-Ross sind meines Erachtens unwesentlich, sie beziehen sich auf Themen wie Depression, Wut, Verhandeln, Warum ich? – Fragen und anderes. Sie gehören alle in den Bereich des Denkens und der Gefühle und berücksichtigen den körperlichen Ablösungsprozess nicht, ja den Ablösungsprozess als solchen überhaupt nicht. Außerdem erfasst Elisabeth Kübler-Ross wesentliche Energiephänomene nicht, die natürlicherweise entstehen.
In ihren Fallbeispielen unterstützt sie die Einbeziehung von Familie und Bindungen und fördert, wo sie nur kann, das Gefühl von Geborgenheit in der Umgebung des Sterbenden. Sie versteht die Wichtigkeit des Loslassens beim Sterben nicht und macht meines Erachtens den gleichen christlichen Fehler, wie die meisten Menschen, dass sie den Sterbenden im Leben und dessen Wege halten will. Sie verstärkt die Bindungen und nennt das Geborgenheit, als ob man beim Sterben mittels Beziehungen helfen könnte. Als ob es nichts wichtigeres gäbe, als die gewöhnliche Lebensweise des Lebenshungers aufrechtzuerhalten. Die Sterbenden werden in die Materie, in den Körper und seinen Empfindungen gezogen und geführt, selbstverständlich mit den besten Absichten.
Meiner Erfahrung nach ergeben sich völlig andere Sterbephasen. Sie sind subtil und von außen nicht so klar zu sehen, manchmal geschehen sie sogar nur innerlich, das ist individuell unterschiedlich. Wir können durch sie schon im Leben hindurch gehen, wenn wir das möchten und verstanden haben, dass wir uns dadurch den Tod verschönern und erleichtern. Wir gehen durch diese Phasen dann freiwillig, ohne den natürlichen Zwang des Sterbens und haben so auch die Chance, viel über das Leben, den Tod, uns selbst und die Wege der Existenz zu lernen. Meditation ist das Mittel dazu.


