Ästhetisches Sterben - Leseprobe
Kurz vor dem Tod und Loslassen

– Auszug aus KAPITEL 4 –
Der Sterbeprozess – der Prozess des Loslassens

 

Der Weg zum Gipfel

Ich verwende hier das Schaubild des Weges zu einem Gipfel, um den Prozess des Loslassens anschaulich zu beschreiben. Dabei ist der Weg kein vorgefertigter und befestigter Weg, den schon viele Menschen gegangen sind. Wir müssen ihn selbst entstehen lassen durch unser eigenes Gehen. Jeden Moment schaffen wir ihn durch jeden Schritt, den wir machen. Einzig die Richtung ist vorgegeben. Wie viel Steine wir zu überwinden haben und wie, welche Blumen uns am Wegesrand erfreuen und ob wir dazu lernen, also einen steilen Weg nicht direkt laufen, sondern im Zickzack hoch gehen, das liegt alles an uns selbst und wie wir bereits im Leben gelernt haben, unserer eigenen Gehweise zu vertrauen.

Bei diesem Gehen ist gemeinsam, dass wir in immer höhere Bereiche kommen, wo die Luft immer dünner wird. Dies bedeutet, dass wir subtiler, feiner werden, mehr nach Innen kommen. Unsere Bewusstheit ist nicht nur mit dem grobstofflichen Körper verbunden, es gibt noch viele subtile Schichten mehr, von denen wir uns lösen müssen. Ich fasse dies zusammen als Körper, Denken und Gefühle, wohl wissend, dass wir eigentlich wie eine Zwiebel sind. Schicht um Schicht müssen wir abschälen, bis am Schluss die Leere, unser eigentlicher Zustand, übrigbleibt. Auf diesem Weg zum Tod lernen wir also immer weitere Schichten von uns kennen, um sie dann hinter uns zu lassen.

Zugleich leben wir in der gewöhnlichen Welt. Das hat auch seinen Sinn, denn nur hier werden wir mit Situationen konfrontiert, die uns unbekannt sind und die uns auf unserem Weg weiterhelfen. Sie mögen wie Stolpersteine aussehen, doch vielleicht sind sie Brücken über Spalten. In meiner Vision der Unterstützung von Sterbenden und auch Meditierenden, diejenigen, die den Weg zum Tod freiwillig und bewusst gehen, muss zwar jeder noch immer seinen Weg selbst gehen und auch finden, doch gibt es Weggefährten, die vielleicht schon ein paar Abschnitte kennen und um deren Gefahren und auch Möglichkeiten der Freude wissen. Sie begleiten die Sterbenden und helfen, dass der Weg nicht so schwer erscheint.

Das Thema des Loslassens von allem, was uns begegnet, bleibt uns den ganzen Weg über erhalten. Da auch die feinen Schichten ihre Kontaktpunkte mit dem grobstofflichen Körper haben – wir merken das zum Beispiel an unseren Gefühlen: Manche sitzen im Bauch, manche im Hals und manche im Herz – spüren wir oft Schmerzen oder Unwohlsein, wenn sich eine Schicht löst. Denn der Körper hat viele Jahrzehnte lang bestimmte individuelle Kontaktpunkte festgehalten und nun soll er sie so einfach loslassen? Es passiert, dass sich der Körper zusammenzieht, das scheint die natürliche Reaktion auf diesen Entspannungsprozess zu sein. Das ist ganz normal und nicht weiter beachtenswert. Doch bedeutet es, dass wir eine ganze Weile auf unserem Weg mit physischen wie psychischen Schmerzen konfrontiert werden.

Eine Hilfe hierfür sind die dynamischen Meditationen von Osho, die unter vielem anderen diese Verhaftungen der verschiedenen Schichten untereinander aufbrechen. Aber auch andere Formen der Bewegung wie Yoga, Aerobic, Gehen, Spielen, oder sich einfach nur ein klein bisschen Bewegen hilft. Falls einem das nicht möglich ist, dann lösen sich die Schichten auch ab, aber man muss vielleicht ein wenig geduldiger mit seinem körperlichen Unwohlsein sein, denn es wird dann nur über die Entspannung und das Zuschauen gelöst, was auch geht, was kein Problem ist. Dieser Ablösungsprozess fühlt sich manchmal an, als würden alle Spannungen der Welt in einem herumschwirren, dann wieder fühlt man sich unbeschwert und frei und ist glücklich wegen der entspannten Leichtigkeit, die sich im Körper ausbreitet. Je näher wir dem Tod kommen, umso automatischer lösen wir uns von unserem Körper. Besser sollte ich sagen: Von unseren Körpern. Das ist ein natürlicher Prozess, der jedoch Menschen, die dies nicht kennen, Angst machen kann, so dass sie unbewusst werden. Das macht nichts, jeder geht den Weg eben soweit bewusst, wie er kann.

Gertrud Meier erhält diesen Brief von ihrem Sohn Thomas, der in München studiert:

"Liebe Mutter,
schicke mir sofort 500 Euro. Dein dich liebender Sohn Thomas

P.S. Ich schäme mich so, dass ich dir einen Brief geschrieben habe, in dem es nur ums Geld geht. Ich wollte ihn noch zurückholen, doch der Briefträger hatte ihn bereits mitgenommen. Ich kann nur hoffen, dass dieser Brief bei der Post verloren geht."

Seine Mutter antwortet:

"Lieber Sohn,
mach dir keine Sorgen, der Brief ging bei der Post verloren. Deine dich liebende Mutter, Gertrud.

P.S. Ich wollte noch 500 Euro mitschicken, aber der Briefträger hatte den Brief schon mitgenommen."

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