Ästhetisches Sterben - Leseprobe
Sterbebegleitung, Hilflosigkeit und Schwäche
– Auszug aus KAPITEL 5 –
Das Verlassen des Körpers
Erfahrungen des begleitenden Freundes
Wenn wir einen Freund oder geliebten Freund in den Tod begleiten, bleiben wir nicht unberührt davon. Wir machen viele existenzielle Erfahrungen, die auch an unsere Grenzen gehen, nicht nur an die unseres Freundes.
Die tiefe Hilflosigkeit, das Sich Ergeben
Besonders während der letzten Phasen des Sterbens unseres Freundes wird uns Begleiter vielleicht eine tiefe Hilflosigkeit erfassen. Wir können nichts tun; alles was möglich war, haben wir getan. Vielleicht ist der Freund in ein Krankenhaus gekommen, in dem man anders mit dem Sterben umgeht als wir es gerne hätten, vielleicht ist die Umgebung nicht optimal, vielleicht leidet der Freund an Schmerzen, vielleicht wissen wir nicht, wie es ihm geht und was für ihn gut ist. Oft sind wir auf dieser Reise hilflos. Was können wir schon bewirken an Hilfestellung, wenn unser Freund geht? Vom Körper her gesehen wird alles bei ihm immer schlechter, die Schwäche kommt mehr und mehr. Vielleicht wird unser Freund auch bewusstlos ... all das bringt uns manchmal in Gefühle des Zweifelns. Wir versuchen, ihm das Beste zukommen zu lassen, doch wer weiß schon, was er im Moment braucht? Und vielleicht glauben wir es zu wissen, doch die Umstände erlauben es uns nicht, es umzusetzen? Wir sind völlig hilflos und können nur am Bett stehen und zuschauen, was geschieht.
Aus dieser Hilflosigkeit entsteht ein Sich Ergeben. Die Existenz weiß es besser. Wir lernen, uns den Wegen der Existenz zu ergeben. Und das beruhigt uns und erfüllt uns mit Freude. Ein Vertrauen entsteht, dass alles gut so ist, wie es ist.
Im Altenpflegeheim ergebe ich mich oft der Existenz und sage: Sie weiß es besser. Die Pflegenden haben nie Zeit, das Zeitlimit ist auf ein Minimum begrenzt, das heißt, dass der Sterbende nur mit dem Nötigsten versorgt werden kann. Trinken und Essen wird gereicht, er wird gewaschen, gelagert, mehr ist nicht möglich. Ich habe im Heim keine Zeit, mich um seine Entspannung mittels Musik, Lichtverhältnisse, und Ästhetik zu kümmern, kann nicht in Meditation mit dem Freund sitzen oder mit ihm lachen. Zusätzlich zum Zeitproblem wollen dies auch die Angehörigen nicht, so ist es mir wegen der Umstände nicht möglich, so zu handeln, wie ich es gerne wollte. Eine tiefe Verzweiflung und Hilflosigkeit erfasste mich anfangs darüber. Doch ich lernte mich zu entspannen. Was immer geschieht, ist in Ordnung. Die Existenz weiß es besser. Zwar handele ich, wenn sich Möglichkeiten bieten. Doch wenn sie nicht da sind, dann entspanne ich mich. Ich werde nicht versuchen, etwas von meinen Vorstellungen gegen den Willen der Umgebung durchzudrücken. Denn meine eigene Ruhe ist das Wichtigste. Nur wenn ich selbst ausgeglichen und fröhlich bin, kann ich auch ein guter Begleiter für meinen Freund sein, in welchem Zustand auch immer er sich befindet.

Die Frau eines prominenten Geschäftsmannes stirbt und das Begräbnis ist ein lokales Ereignis. Alle ehrenwerten Menschen der Stadt kommen und fast alle kennen den Witwer. Nur ein Fremder nimmt daran teil und ihn scheint der Tod der Frau mehr mitzunehmen als jeden anderen. Bevor das Begräbnis zuende ist, bricht er völlig zusammen.
Der Witwer fragt: "Wer ist dieser weinende Fremde?"
"Ja wissen Sie das gar nicht?" flüstert der Nebenstehende. "Er war der Liebhaber Ihrer Frau."
Da geht der Witwer zu dem weinenden Mann, klopft ihm mitfühlend auf die Schulter und sagt: "Nimm's nicht so tragisch, alter Junge. Ich werde wahrscheinlich wieder heiraten."

Wenn ich einen Freund im Sterben begleite, dann sollte ich selbst freudig und feiernd bleiben. Und ich sollte auf jede Art von Perfektionismus verzichten. Was kommt, kommt, das Einfache ist das Richtige für mich. Je einfacher ich selbst bin, desto besser. Je komplizierter eine Situation wird, desto mehr verkrampfe ich mich, daher versuche ich, sie zu lassen. Diese Grundhaltung habe ich mir zu eigen gemacht, wenn es Probleme gibt. Ich entspanne, wenn ich nicht weiß, wie ich meinem Freund in dieser oder jener Situation helfen kann. In der Entspannung findet sich das Einfache. Je verkrampfter ich bin, desto schwieriger wird alles. Immer wieder kommen Momente, in denen ich mich unsicher fühle. Doch bevor ich meine freudige Haltung aufgebe, entspanne ich lieber, so weit es geht, und lasse die Zweifel an mir vorüberziehen.
Was auch immer geschieht, wir Begleiter wenden uns dem Tod willkommend zu. Am besten kennen wir die Zustände, durch die der Freund geht, schon durch unsere Meditation. Die schönen wie die leidvollen. Wir können ihm über unser Verstehen helfen, die stille und lachende Seite kennen zu lernen, auch das Getrennt sein vom Körper, den Gedanken und den Gefühlen. Eine zuschauende, lachende Haltung von uns in jeder Situation ist die größte Hilfe, die wir geben können. Unser Vertrauen in die Existenz und deren mysteriösen Wege wirkt auf unseren Freund stark ein. In seiner schwierigen Situation lernt er auch durch uns, durch unser eigenes Entspannen, durch unsere Ergebung in die Existenz, selbst loszulassen und vertrauen zu bekommen.
Unsere Liebe für den Freund bringt eine Wärme mit sich, die ihn loslassen lässt. Und unsere Meditation kann ihm als Sicherheit dienen, in seinen schweren Zeiten des Übergangs.
Der Witz über den Tod– der Sprung in die Wahrheit
Osho erzählte seinem an Krebs sterbenden Schüler diesen Witz und erreichte, dass der Schüler trotz Schwäche laut auflachte:

Jesus und Petrus ziehen umher. Viele leidende und kranke Menschen wollen zu Jesus, um sich heilen zu lassen. Petrus sucht die Leute aus, die zu ihm kommen dürfen. Da nimmt Jesus Petrus beiseite, zeigt auf einen Mann und sagt: "Den nicht, der hat Krebs!"

Ein Witz über den Tod ist das Allerbeste, was einem Sterbenden geschehen kann. Es mag für uns rüde und grob wirken, doch so ein Witz hilft sehr. Die Konfrontation mit dem Tod ist schwierig, für jeden. Wir tragen unbewusst viele Widerstände gegen das Verlassen des Körpers in uns, es erscheint manchmal sogar natürlicher, am Leben festzuhalten. Doch bekommen wir so einen Witz geschenkt, dann können wir uns lachend unserem Tod stellen. Das Schwert der Wahrheit über den Tod schlägt tief, es kann sein, dass wir zusammenzucken, wenn es uns trifft. Doch mit einem Witz lachen wir nur über dieses Schwert. Es mag uns treffen wie es will, wir lachen darüber.

